25.08.2016

Gesundheitsversorgung- Was kann eine Kommune leisten (Teil 2)

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Der Gesundheitskiosk ist für die Bürger selbst, anders als der Name vermuten lässt, kostenfrei. Er wird von den Kommunen betrieben und ist für jeden erreichbar. In Finnland findet man von ihnen bereits mehr als 50 Stück in Innenstädten und Einkaufszentren. Sie werden von allen Altersgruppen gut angenommen- weil sie alle angesprochen werden.

Betreut wird er von Public-Health Nurses, also studierten Pflegekräften. Fühlen sich Menschen unwohl, wird ihnen der Blutdruck gemessen, Puls gezählt, Blutzucker bestimmt. Völlig kostenlos und unverbindlich. Wenn man bedenkt das ein Großteil der Diabetesdiagnosen reine Zufallsbefunde sind, wird klar wie sinnvoll das ist.
Findet sich eine Auffälligkeit, werden direkt Termine an die kooperierenden (Fach-)ärzte vermittelt.

Zusätzlich bieten die Pflegekräfte Informationen, Schulungen und Beratungen zu diversen Themen an. Das geht von Schwangerschaftsberatung bis hin zu Schulungen von pflegenden Angehörigen.

Immer wieder gibt es auch "Themenwochen" und wiederkehrende Gruppenberatungen. Insgesamt ist alles darauf ausgerichtet, die Menschen für bestimmte Gefahren zu sensibilisieren, und sie vor diesen zu schützen. Entsprechend handelt es sich um eine wichtige Säule der Gesundheitspflege, da bereits gehandelt wird, bevor Krankheit eintreten kann.
Durch die niedrigschwellige Erreichbarkeit (örtlich und finanziell für alle erreichbar) finden auch sozial schwache Menschen Anschluss an das Gesundheitssystem.

Meiner Meinung nach ist dieses System vollständig auf deutsche Verhältnisse übertragbar, da insbesondere die Gesundheitsförderung, Prophylaxen, im derzeitigen Gesundheitssystem viel zu kurz kommen. Dabei würden sich enorme Folgekosten für die Behandlung der nicht-verhinderten Krankheiten sparen lassen und die Wirtschaft durch eine gesündere Gesamtbevölkerung gestärkt werden. Dies führt zu der Annahme, dass sowohl Kommunen, als auch Krankenkassen ein Interesse an diesem Modell haben dürften. Auch die positiven Erfahrungen aus Finnland, die dieses Konzept nun mehrere Jahre umsetzen, animieren zum "nachmachen".

Fest steht: Die modellhafte Umsetzung in einer deutschen Stadt würde bundesweite Aufmerksamkeit erregen.

Gesundheitsversorgung- Was kann eine Kommune leisten? (Teil 1)

Als Pflegestudent hatte ich im vergangenen Jahr die Möglichkeit, ein Auslandssemester in Finnland zu machen. In der Versorgungssituation liegen zwischen Deutschland und Finnland Welten. Das hängt schon allein mit der Art der Finanzierung der jeweiligen Gesundheitssysteme zu tun.

Kurz gefasst ist es so, dass sich deutsche Krankenhäuser in der Regel auf zwei Wegen finanzieren. Zum einen stellen die Bundesländer sicher, dass die Häuser genug Kapital für Investitionen zur Verfügung haben. Dieses Geld kann für Umbau- und Anbaumaßnahmen verwendet werden oder wird für die Neuanschaffung von Großgeräten, etc. genutzt. (Sogenannte Einzelförderung)

Zusätzlich gibt es die "Bettenpauschale". Die Länder errechnen anhand des Einzugsgebietes und der Krankenhausdichte und Bevölkerungs, bzw. Fallzahlen, wieviele Betten ein Krankenhaus benötigt und subventioniert diese Anzahl. (Sogenannte Pauschalförderung)

Die laufenden Kosten werden über die Krankenkassen abgerechnet. Dieses geschieht jedoch bereits im jeweiligen Vorjahr. Das bedeutet, dass die Häuser mit den Kassen jeweils verhandeln, welche Leistungen sie erbringen dürfen. Das bedeutet aber auch, dass die Häuser in einem Jahr deutlich mehr oder deutlich weniger Leistungen erbringen, als ursprünglich geplant und dem entsprechend Mehr- oder Mindereinnahmen erzielen können, die kaum planbar sind. Der Erlösausgleich finden dann im Folgejahr statt, umfasst aber nur die variablen Kosten, nicht aber die Fixkosten. Kann sich also je nach Belegung positiv oder negativ für die Häuser auswirken.

Wie dieses Krankenhausbudget ausfällt, hängt mit der Art der Fälle zusammen, die behandelt werden. Diese werden nämlich anhand der Erkrankung pauschal abgerechnet. Diese Pauschale wiederum ermittelt die Kassen aus den Durchschnittskosten für die Behandlung in allen Krankenhäusern.

Arbeitet ein Haus also effizienter als der Durchschnitt, macht es Gewinn- so die Theorie.

Dies führt dazu, dass Krankenhäuser längst in "attraktive" und "unattraktive" Fälle unterscheiden. Die Behandlung von Lungenentzündungen oder exsikkierten ("ausgetrockneten") ist beispielsweise sehr unatttraktiv, während es insbesondere für operative, z.B. orthopädische Eingriffe viel Geld gibt.

Das Arbeiten mit Prophylaxen und Gesundheitspflege lohnt sich für die Häuser also ausschließlich dann, wenn das dazu führt unattraktive Fälle zu vermeiden und dadurch Betten für attraktivere Fälle freizuhalten.

Dieses System ist für den Bürger, egal welchen Alters, sicherlich nicht die Ideallösung. Ich denke daher, dass sich die Kommunen Gedanken machen müssen, wie sie ihren Bürgern die bestmögliche Gesundheitsversorgung anbieten können.

Als Austauschstudent in Finnland konnte ich eine Anregung mitnehmen, die an dieser Stelle eine Option darstellt: Der Gesundheitskiosk (weiter zu Teil 2)

07.07.2016

Freiberufliche Pflegeperson oder sozialversicherungspflichtiger Arbeitnehmer?

Von Martin Ziemann

Grundsätzlich unterliegen selbstständig tätige Pflegepersonen, die in der Krankenpflege tätig sind, der Rentenversicherungspflicht. Diese gehören zu den sogenannten Katalogberufen und gelten deshalb (zunächst) als versicherungspflichtig.

 Rentenversicherungspflicht bei Pflegepersonen 

Die Deutsche Rentenversicherung geht davon aus, dass diese Personen in einer persönlichen Abhängigkeit zu ihrem Auftraggeber stehen.

Soweit selbstständig tätige Pflegepersonen die üblichen Arbeiten eines Krankenpflegers verrichten, ist anzunehmen, dass sie in dessen Betriebsorganisation eingebunden sind und..

  • Weisungen des Anstellungsträgers unterliegen, 
  • Arbeitszeit, -ort sowie Dauer nicht frei bestimmen können und
  • überwiegend auf ärztliche oder auf Anordnung der Pflegedienstleitung handeln. 


Insoweit unterscheidet sich deren Tätigkeit nicht von der eines festangestellten Mitarbeiters. Bei Pflegepersonen, die im Sinne einer Ersatzpflegekraft tätig sind, beispielsweise als Urlaubs- oder Krankheitsvertretung, ist dies regelmäßig der Fall.

Gesamtbetrachtung ist zur Beurteilung der Rentenversicherungspflicht maßgeblich

Jedoch ist der Frage der persönlichen Abhängigkeit eine Gesamtbetrachtung zugrunde zu legen. Vereinfacht läßt sich sagen, dass eine Pflegeperson dann selbständig ist, wenn sie ihre Tätigkeit im Wesentlichen frei gestalten und frei über ihre Arbeitszeit bestimmen kann.
Zur weiteren Abgrenzung hat das Bundessozialgericht Kriterien entwickelt. Für eine Selbständigkeit spricht beispielsweise..

  • wenn die Pflegekraft ein unternehmerisches Risiko trägt, 
  • sie eine (betriebswirtschaftliche) Kalkulation bezüglich der Preisgestaltung vorgenommen hat
  • sie eigene Werbungsmöglichkeiten für ihre Tätigkeit hat und 
  • eigenständig Kunden akquirieren beziehungsweise diese ablehnen kann.


Die Deutsche Rentenversicherung fordert beispielsweise unter Ziffer 3.9 des Fragebogens zur Feststellung der Rentenversicherungspflicht (Formular V0020) dazu auf, das unternehmerische Handeln zu beschreiben. Die Behörde bezieht sich dabei insbesondere auf den eigenen Kapitaleinsatz, die eigene Kalkulation und Preisgestaltung sowie Werbung und Ablehnung von Aufträgen.

 Formulare V0020, V0027, C0031 der Deutschen Rentenversicherung mit Bedacht ausfüllen

Die in den Formularen V0020, V0027 sowie C0031 formulierten Begriffe und Fragen können als eher „allgemein gehalten“ verstanden werden. Sie dienen jedoch dem Ziel, „festzustellen“ ob Rentenversicherungspflicht vorliegt. Deshalb sollte vor Übersendung der Fragebögen und Anträge an die Deutsche Rentenversicherung über die Wortwahl nachgedacht werden. Die dann dokumentierten eigenen Angaben tragen maßgeblich zur Entscheidungsfindung der Behörde bei.


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Martin Ziemann ist gerichtlich registrierter Rentenberater. Er berät in Fragen der gesetzlichen Renten- und Sozialversicherung. Seine Mandanten kommen aus ganz Deutschland.

Kontakt:
Martin Ziemann
Klaus-Groth-Strasse 8
23843 Bad Oldesloe
Telefon: 04531-8976249

10.06.2016

Mittelpunkt Selbstreflexion in der Pflege

Wie wäre es in ein Krankenhaus zu kommen, indem die Mitarbeiter ein verträumtes Lächeln auf dem Gesicht haben und Sie mit einem freundlichen „Hallo“, was kann ich für Sie tun begrüssen? Wie wäre es, Krankenschwestern und Ärzte, Physiotherapeuten und Logopäden in einem kommunikativen Austausch zu sehen, wo konstruktiv miteinander gesprochen wird, wo die Harmonie zum Greifen nahe ist? Möchten Sie auch einmal in ein solch „verzaubertes Krankenhaus“ hineintreten oder sogar arbeiten? Ich muss Sie leider enttäuschen, die Wahrheit sieht anders aus. Jeder von Ihnen, der im Gesundheitswesen tätig ist, oder möglicherweise selber Patient war, hat seine eigene Geschichte zum Thema Krankenhaus, Altenheim oder andere Gesundheitseinrichtungen. Fakten wie: Stress, Zeitdruck, Fehlzeiten, Burnout und Unterbesetzung zieren unseren Gesundheitshorizont. Ich befasse mich in diesem Artikel mit Fragen, „wie könnte es sein?" bis hinzu "was kann man tun?“, um den Gesundheitshorizont wieder aufzuklaren um Licht ins dunkle zu lassen. 

07.06.2016

Demographie und Kostenexplsion? Der finnische Weg.


Die skandinavischen Länder gelten in Deutschland im Bezug auf das Gesundheitswesen als vorbildlich. Höhere Gehälter, mehr Personal und gesellschaftliche Anerkennung für Pflegende sind Dinge, die man mit unseren nordeuropäischen Nachbarn assoziiert. Während eines dreimonatigen Auslandsaufenthaltes in Finnland konnte ich einige der Annahmen direkt unter die Lupe nehmen und musste feststellen: Viele der Herausforderungen, die es im Gesundheits- und Pflegebereich zu lösen gilt, sind vergleichbar. Beeindruckend war jedoch die Beobachtung, wie unter auch in Finnland problematischer werdenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nach Lösungen gesucht wird, vorhandene Mittel optimal zu nutzen.


Ein Beispiel hierfür ist die Implementierung einer Demenzstrategie (Kansallinen Muistiohjelma) Sie wurde als Reaktion auf die steigende Anzahl von an Demenz erkrankten Menschen (derzeit etwa 120 000 Menschen) entwickelt. In Finnland erkranken jährlich circa 13 000 Menschen neu an Demenz und haben damit einen besonderen Pflegebedarf. Die Demenzstratege zielt auf das Erreichen von insgesamt vier Zielen, um die Gesellschaft als Ganzes auf die steigende Zahl demenziell Erkrankter vorzubereiten, und den Betroffenen eine größtmögliche gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

08.04.2016

Die Modelle der Pflegezusatzversicherung

Für gesetzlich Versicherte ist eine private Zusatzversicherung für die Pflege auf jeden Fall sinnvoll, da die Leistungen der gesetzlichen Versicherung bei Weitem nicht ausreichen, um die Kosten im Pflegefall abzudecken. Durch eine private Pflegezusatzversicherung kann ein Großteil der anfallenden Kosten abgedeckt werden. Die Versicherungsunternehmen bieten für die private Vorsorge drei Modelle an. Unter meinepflegeversicherung.com werden die Modelle und weitere wichtige Details zur privaten Vorsorge für den Pflegefall genau beschrieben.


 Pflegetagegeld

 Ähnlich wie beim Krankentagegeld wird bei diesem Versicherungstyp ein fester Betrag pro Pflegetag bezahlt, dabei kommt es nicht auf die Höhe des Bedarfs an. Ein Nachweis über die Pflegebedürftigkeit reicht zur Anmeldung des Anspruchs. Diese Form der Versicherung wird vom Staat seit einer Pflegereform Anfang 2013 mit 5 Euro pro Monat unterstützt. Dazu muss der Versicherungsnehmer mindestens 10 Euro im Monat selbst zahlen, und die Leistung muss mindestens 600 Euro im Monat betragen. 


Pflegekostenversicherung 

 Beim zweiten Typ der Pflegezusatzversicherung, der sogenannten Pflegekostenversicherung, übernimmt die Versicherung die Differenz zwischen den anfallenden Kosten und den Leistungen der gesetzlichen Versicherung, je nach Anbieter und Tarif vollständig oder teilweise.

 

Pflegerentenversicherung

 Die Pflegerentenversicherung ist die dritte Form der privaten Pflegezusatzversicherung. In diesem Modell wird eine monatliche Rente an den Versicherungsnehmer ausgezahlt. Dieser Typ wird von allen Unternehmen angeboten, die eine Pflegezusatzversicherung anbieten. Allerdings weisen Tarife und Leistungen erhebliche Unterschiede auf, sodass man vor Abschluss eines Vertrages Informationen von verschiedenen Anbietern einholen oder die Dienste einer unabhängigen Beratung in Anspruch nehmen sollte. Wer sich für den Pflegefall umfassend absichern will, kann die verschiedenen Modelle miteinander kombinieren. Mit einer Versicherung sichert man sich nicht nur selbst ab, sondern schützt auch Angehörige davor, durch das sogenannte Elterngeld in Anspruch genommen zu werden.

10.11.2015

Familienpflegezeit - Entlastung für Pflegende Angehörige

Seit dem 01.01.2015 gelten für die Familienpflegezeit neue Regelungen. Pflegekritik stellt diese in Kooperation mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) vor.

Schwacher Start 2012 


(Bild: BMFSFJ)
Das Familienpflegezeitgesetz trat erstmals zum 01.01.2012 mit Maßnahmen zur Entlastung
Pflegender Angehöriger in Kraft, jedoch nahmen im Gesamtjahr keine 200 Personen diese Hilfen in Anspruch. Bei einem Gesetz für eine Gruppe von über 1,6 Millionen Pflegende Angehörige eine verschwindend geringe Anzahl.
Gründe dafür wurden offenbar in einer bürokratischen Ausrichtung gesehen, welche Arbeitnehmer abgeschreckt haben könnte. Doch Hauptgrund für den fehlenden Anklang sahen nicht wenige von Beginn an im fehlenden Rechtsanspruch.

Notwendige Überarbeitung 


Pflegender Angehöriger zu sein bedeutet, unter einen ständigen Anspannung zu stehen. Ein Spannungsfeld, dass sich bei jedem pflegenden Angehörigen anders zusammensetzt, und doch bei allen ähnlich ist, baut sich auf. Man steht unter dem Druck, eine geeignete Pflege umzusetzen, steht unter finanziellem Druck, weil man seine Stunden reduzieren muss, vielleicht auch gar nicht mehr arbeiten gehen kann und gleichzeitig leidet die eigene Familie und man selbst unter dem Druck, ständig gebraucht zu werden, letztendlich keine Freizeit mehr zu haben. 
Ein Bürokratiemonster hilft dieser Gruppe, dem "größten Pflegedienst Deutschlands" daher nicht weiter. Dies scheint auch dem Gesetzgeber nicht entgangen zu sein und stellt an dieser Stelle das neue Familienpflegegesetz vor.